Abschlussbericht zur Pilotphase der Berliner Gemeinschaftsschulen - Studie bekräftigt Erfolge der Berliner Gemeinschaftsschulen

Abschlussbericht zur Pilotphase der Berliner Gemeinschaftsschulen - Studie bekräftigt Erfolge der Berliner Gemeinschaftsschulen


News Berlin

Pressemitteilung vom 08.04.2016
Gemeinschaftsschulen in Berlin sind Schulen des gemeinsamen
Lernens vom 1. bis 10. bzw. 13. Jahrgang. Ziele sind eine
bestmögliche Lernentwicklung durch selbstständiges Lernen und
die Unterstützung individueller Lernwege sowie die
Überwindung der Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der
sozialen Herkunft.
Die Berliner Gemeinschaftsschulen werden seit Beginn des
Pilotversuchs im Jahr 2008/09 wissenschaftlich begleitet. Die
Studie wird von Rambøll Management Consulting, der
Arbeitsstelle für Schulentwicklung und
Schulentwicklungsforschung an der Universität Hamburg sowie
dem Hamburger Institut für Bildungsmonitoring und
Qualitätsentwicklung durchgeführt. Sie umfasst die
Teilstudien zur Unterrichtsgestaltung und -entwicklung sowie
zur Lernstandsentwicklung. Der vorliegende fünfte Bericht ist
gleichzeitig der Abschlussbericht der wissenschaftlichen
Begleitung. Er bescheinigt den untersuchten
Gemeinschaftsschulen gute Erfolge.
"Die Gemeinschaftsschulen erreichen eines ihrer wesentlichen
Ziele, indem sie den Lernerfolg von der sozialen Herkunft
wirksam entkoppeln. Bemerkenswert sind die Lernzuwächse der
Schülerinnen und Schüler, die der Abschlussbericht den
Gemeinschaftsschulen bescheinigt. Ich werde mich dafür
einsetzen, dass das Angebot der Gemeinschaftsschulen in Berlin
als besondere Ausprägung der Integrierten Sekundarschule
dauerhaft verstetigt wird", so Sandra Scheeres,
Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft.
Teilstudie Unterrichtsgestaltung und
Unterrichtsentwicklung
An dieser Teilstudie waren gut 1.000 Lehrkräfte aus 18 Schulen
beteiligt. Im Zentrum der Fragebogenerhebungen standen Aussagen
zur Einstellung der Beteiligten, zur Arbeitskultur sowie zur
Gestaltung des Unterrichts.
Ein hoher Anteil der befragten Lehrkräfte bekundet auch nach
acht Jahren eine positive Einstellung zur
pädagogischen Arbeit an der Gemeinschaftsschule (80
%).
Hinsichtlich der Arbeitskultur wird der
Teamarbeit ein hoher Stellenwert zugemessen (89 %). Dies
beinhaltet u.a. fachliche Kooperation sowie eine gemeinsame
Vorbereitung des Unterrichts -, bemerkenswert angesichts einer
immer noch vorherrschenden Vereinzelung der Lehrerarbeit.
Die Befunde zur Entwicklung von Lern- und
Unterstützungsformen im Umgang mit heterogenen
Lerngruppen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1. Die Gestaltung des Unterrichts zeichnet sich durch ein
breites Spektrum an Unterrichtsmethoden sowie durch eine
gezielte Unterstützung von Lernprozessen aus. Dabei stehen das
selbstständige Arbeiten in kleinen Gruppen (90 %), die
Verknüpfung von Phasen des selbstregulierten Lernens mit
lehrergesteuerten Phasen (74 %), regelmäßiges
Schülerfeedback (81 %) sowie eine konsequente Klassenführung
im Sinne eines nachhaltig wirksamen Lernens (88 %) im
Vordergrund.
2. Die Gestaltung des Unterrichts zeichnet sich durch
spezifische Merkmale des Lehrer-handelns aus. Gemeinsam ist
eine vielfältige Unterstützung von Lernprozessen.
Unterschiede zeigen sich bezogen auf den Grad der Öffnung von
Unterricht. Dabei können die Spielräume für
selbstreguliertes und individuell gefördertes Lernen groß (24
%), mittel (45 %) oder gering (31 %) sein. Die Verbreitung der
beiden ersten Handlungsmuster mit zusammen ca. 70 % entspricht
sowohl dem Ziel der Gemeinschaftsschulen als auch Hinweisen der
Unterrichtsforschung zur Gestaltung eines lernwirksamen
Unterrichts. Zwischen der Unterrichtsgestaltung und den
sozialen Belastungen der Schulen konnten keine Zusammenhänge
festgestellt werden.
3. Bei der Wirksamkeit der Unterrichtsgestaltung lassen sich
fachspezifische Ausprägungen erkennen. Ein offener Unterricht
mit strukturierenden Anteilen wirkt sich beispielsweise positiv
auf die Entwicklung des Leseverständnisses aus. Ein
lehrergesteuerter Unterricht, der durch individualisierende und
differenzierende Angebote ergänzt wird, wirkt sich positiv auf
die Entwicklung der Rechtschreibleistung aus. Differenzierende
Angebote sowie Schülerfeedback wirken sich positiv auf die
Entwicklung der Mathematikleistung aus. Die Analyse der
Gestaltung des Unterrichts zeigt, dass es im Umgang mit
heterogenen Lerngruppen keinen Königsweg gibt, dass die
Lehrkräfte fachliche Differenzierungen entwickelt haben und
dass hier Unterschiede in der Wirksamkeit des Unterrichts
erkennbar sind.
Teilstudie Lernstandsentwicklung
Im Rahmen zweier Erhebungswellen werden mithilfe
standardisierter Tests die Lernentwicklungen der Schülerinnen
und Schüler im Verlauf der Sekundarstufe I in den
Kompetenzbereichen Leseverständnis, Orthografie, Englisch,
Mathematik und Naturwissenschaften in zweijährigen Abständen
längsschnittlich erfasst. An der ersten Erhebungswelle nahmen
alle 13 Gemeinschaftsschulen des zweiten Schulversuchsjahrgangs
teil, die zum Schuljahr 2009/10 eine Jahrgangsstufe 7
eingerichtet hatten (= 1. Kohorte). Mit dreijährigem Abstand
folgte eine zweite Erhebungswelle, an der 15
Gemeinschaftsschulen des fünften Schulversuchsjahrgangs
beteiligt sind (= 2. Kohorte). 10 Gemeinschaftsschulen sind in
beide Erhebungswellen einbezogen, sodass ein Kohortenvergleich
auf der Basis der jeweils erzielten Testergebnisse möglich
ist. Zur Einordnung der Ergebnisse werden außerdem die
Lernstände und Lernentwicklungen von Schülerinnen und
Schülern einer Kontrollgruppe herangezogen, die aus 62
Hamburger Schulen aller Schularten mit vergleichbaren
Schülerschaften gebildet wurde.
Im Ergebnis zeigt sich, dass die Berliner
Gemeinschaftsschülerinnen und -schüler der 2. Kohorte in den
Jahrgangsstufen 7 und 8 in vier der fünf untersuchten
Kompetenzbereiche mit Differenzwerten von 0,23
(Leseverständnis), 0,27 (Englisch und Naturwissenschaften)
sowie 0,32 (Mathematik) deutlich höhere mittlere Lernzuwächse
verzeichnen als die Schülerinnen und Schüler der 1. Kohorte.
Im Kompetenzbereich Orthografie blieb der im Durchschnitt
erreichte Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler der 2.
Kohorte um 0,20 Effektstärken unter dem Ergebnis der
Schülerinnen und Schüler der 1. Kohorte. Im Vergleich mit der
Hamburger Kontrollgruppe ragen vor allem die höheren
Lernzuwächse im Kompetenzbereich Leseverständnis heraus.
Deutlich höhere Lernfortschritte konnten in den
Kompetenzbereichen Mathematik und Englisch erzielt werden,
moderat höher liegt der mittlere Lernzuwachs im
Kompetenzbereich Orthografie, während der mittlere Lernzuwachs
im Kompetenzbereich Naturwissen-schaften nur geringfügig
höher ausgefallen ist. Besonders hoch sind die Lernzuwächse
derjenigen Schülerinnen und Schüler aus Schulen in sozial
benachteiligen Stadtteilen. Diesen Schulen ist es in besonderer
Weise gelungen, ihren Schülerinnen und Schülern über alle
Kompetenzbereiche hinweg weit überdurchschnittliche
Lernfortschritte zu ermöglichen.
Jungen und Mädchen verzeichnen in beiden Kohorten in allen
untersuchten Kompetenzbereichen annähernd gleich hohe
Lernzuwächse. Das gilt ebenso für Schülerinnen und Schüler
aus unterschiedlichen Sozialmilieus: In allen fünf
untersuchten Kompetenzbereichen sind die (hohen) Fördererfolge
weitgehend unabhängig von der sozialen Herkunft. Während
Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Familiensprache
in der 1. Kohorte geringfügig bzw. moderat höhere mittlere
Lernzuwächse erzielten, hat sich in der 2. Kohorte der
kompensatorische Fördererfolg bei insgesamt deutlich höheren
Lernzuwächsen nochmals verbessert.
Als "Schule für Alle" haben die Berliner
Gemeinschaftsschulen von Anbeginn Schülerinnen und Schüler
mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgenommen. Da in
beiden Kohorten sowohl Klassen ohne als auch mit Schülerinnen
und Schülern mit sonderpädagogischem Förderstatus vertreten
waren, ist ein Vergleich der jeweils erzielten Lernergebnisse
möglich. Über alle untersuchten Kompetenzbereiche hinweg
lassen sich keine Nachteile für Schülerinnen und Schüler
feststellen, die gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern mit
sonderpädagogischem Förderstatus unterrichtet werden. Die
deutlich höheren Lernfortschritte insbesondere in Mathematik
lassen vermuten, dass die (förderdiagnostische) Expertise der
in den Jahrgangsteams mitarbeitenden Sonderpädagoginnen und
Sonderpädagogen allen Schülerinnen und Schülern zugutekommt.
Auch für die Schülerinnen und Schüler mit
sonderpädagogischem Förderstatus erweist sich das gemeinsame
Lernen als förderlich. Sie erzielten in beiden Kohorten
ungeachtet der behinderungsbedingten erheblichen
Lernrückstände beachtliche Lernfortschritte.
Zusammengenommen enthalten die hier berichteten Ergebnisse
beider Längsschnitterhebungen deutliche Hinweise darauf, dass
das pädagogische und schulorganisatorische Rahmenkonzept des
längeren gemeinsamen Lernens mit einem Schwerpunkt auf der
schülerbezogenen Lern- und Förderplanung erfolgreich
implementiert werden konnte.
Quelle: http://www.berlin.de/presse/pressemitteilungen/index/feed?institutions=lpd&since=gestern_14_00&prio=1&count=1000&orig=1

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